Rio: Als mich eine Hand führte

Rio de Janeiro. Ankunft. Der schlimmste Flug meines Lebens. Überfall an der Copacabana. Alleine durch die gefährlichsten Favelas von Rio. Die ersten Stunden einer bevorstehenden Reise um die Welt hätten die letzten sein können. Dabei war ich noch gar nicht richtig in Brasilien angekommen. Das Herz hatte ich beim tränenreichen Abschied meiner Eltern in Österreich zurückgelassen. Am Ende war eine Busfahrt durch Rio mein Wegweiser.

Rio de Janeiro, Brazil, TheTrekkr
Copacabana mit Christus-Statue

Der Flug. Von London nach Rio. Schaukeln mochte ich schon als Kind nicht. Schon gar nicht in Luftlöchern bei Flug-Turbulenzen. Kurz vor dem Ziel sendet mir mein Gleichgewichtsorgan dermaßen heftige Bewegungswechsel, dass sich meine Peristaltik rückwärts zu bewegen beginnt. Ein Blick aus der Fensterluke zeigt das Geschehen. Hunderte Millionen Volt schlagen direkt neben unseren Flügeln ein. Wir steuern mitten durch ein Blitzlichtgewitter. Und stehen unter Dauerbeschuss. Dass die Lampen im Flugzeuginneren jetzt ausgeschaltet sind, ändert nichts. Das Gewitterleuchten hat die Nacht längst zum Tag erweckt. Von links nach rechts und zurück. Rauf und runter. Nahtod-Gedanken evoziert das Gewitterschaukeln. Manche beginnen zu schreien. Andere erbrechen. Zeug fliegt durch die Gegend. Beim Sinkflug wird das Fallen und Schaukeln noch unangenehmer. Akute Existenzsorgen haben Gedanken zum Flugkomfort längst zurückgedrängt. Es geht nur noch darum, ob der Kapitän unser Flugschiff sicher landen kann. Unter hohem Puls setzen wir etwas später bei bereits überfluteten Straßen besonders hart auf. Es gibt einige Kopfverletzungen. Am nächsten Tag lese ich: in nur 3 Stunden haben 40.000 Blitze auf Rio eingeschlagen. Sogar Jesus hat seinen Finger verloren. Die nächtlichen Feuerstrahlen beschädigten Daumen, Mittelfinger und Kopf der 38m hohen Christus-Erlöser-Statue.

Rio de Janeiro, Brazil, TheTrekkr
Promenade an der Copacabana

Der Überfall. Spaziergang an der Copacabana. Dem weltberühmten Sonnengrill mit den wellenförmigen Mosaiksteinen auf seiner Promenade. Ob Bettler oder Schauspieler, Fußballprofi oder Drogendealer. Auf dem Strand sind alle gleich. Rund um mich herum herrscht reges Treiben. Man fährt Skateboard oder Rad. Es wird gejoggt. Zeit für ein Foto. Langsam nehme ich meine Kamera aus der Tasche. Den Tragegurt lege ich wie immer um meinen Hals. Und jetzt ist auch das Motiv entdeckt. Mein rechtes Auge zielt durch den Sucher. Das linke sieht verschwommen ein paar Kinder langsam vorbei fahren. Plötzlich bleiben die stehen. Ein Junge läuft auf mich zu und packt meine Kamera. Ein festes Ziehen. Dann kriegt er einen Tritt in den Hintern vor mir. Schnell hauen sie ab. Abends verrät mir ein Brasilianer: „Da hast Du Glück gehabt. Rios Kinder sind gefährlich, weil sie so unscheinbar sind. Manchmal ziehen die völlig unreflektiert eine Pistole und erschießen Dich auf offener Straße.“

Rio de Janeiro, Brazil, TheTrekkr
Favela Rocinha in Rio

Die Favelas. Fernhalten sollte ich mich. Wer sich trotzdem in Rios Armenviertel hineinwagt, sollte das nur mit Reiseführer machen. Erzählt man sich. Entgegen aller Ratschläge gehe ich alleine los. Nicht nur durch Santa Marta, auch durch Rios berüchtigtste Favela: Rocinha. Keine Wasserversorgung, hohe Kriminalität, Drogenmafia. Vor wenigen Jahren soll in den versteckten Berghängen von Rio noch täglich geschossen worden sein. Mein Weg führt mich nicht nur durch die mit Polizeipräsenz ausgestatteten Hauptstraßen. Vielmehr sind es die dunklen, engen und steilen Gassen, die meine Neugier wecken und mich stundenlang von Haus zu Haus führen. Gefahren? Keine. Einem Mann habe ich spontan beim Kartoffel schälen geholfen. Ansonsten lächelten mir die Menschen sehr viel Wärme entgegen.

Rio de Janeiro, Brazil, TheTrekkr
Christus-Statue in Rio

Die Hand. Flughäfen, Autobahnen, Busfahrten. Eigentlich werden derartige Orte des Transits auch als Nicht-Orte bezeichnet. Vorübergehende Orte, die scheinbar keine kulturelle Identität haben. Am dritten Tag in Rio nehme ich den Bus. Eine überdimensionale Stadtkarte soll mir unterwegs den Weg nach Lapa weisen. Doch während der Fahrt schweife ich ab. Ein Sturm von Gedanken zu den Erlebnissen aus den letzten Stunden: Gewitterflug, Überfall, Favela-Spaziergang. Der Anfang meiner langen Reise verlief äußerst ambivalent. So ambivalent, dass man sich verlieren kann. Und genau das passiert mir gerade…

An Lapa bin ich längst vorbei gefahren. Sehe ich gerade. Nervös springe auf. Ich muss unbedingt an der nächsten Station aussteigen. Keine Ahnung, wo ich jetzt bin. Fragen kann ich auch niemand, ich spreche ja kein Portugiesisch. In diesem Moment nimmt mich plötzlich etwas an der Hand. Es ist die wärmende Hand einer alten Frau, die mir beruhigend zulächelt. Ihre beschützende Aura war mir irgendwie vertraut. Zuletzt musste ich so etwas als Baby in den Armen meiner Mutter gespürt haben. Die Frau sprach nicht zu mir. Sie lächelte nur und ließ meine Hand nicht mehr los. An der nächsten Station stiegen wir gemeinsam aus. Immer noch Hand in Hand. Draußen zeigte sie mir dann eine Busstation, von wo ich wieder zurück nach Lapa gelangen konnte. Dass sie irgendwann meine Hand losließ und verschwand, fiel mir gar nicht mehr auf. Etwas später erkannte ich auch, dass mir die lächelnde Frau ebenso wenig mein Ziel gezeigt hat. Vielmehr lehrte sie mich, wie man den Weg der Sorge verlässt und Zuversicht ins Ungewisse entwickelt. Wer daran glaubt, dass alles, was geschieht, am Ende gut sein wird, der ist befreit. Einverstanden mit dem Fluss des Lebens.