Deshalb klappte mein erster Bungy-Sprung erst beim zweiten Versuch…

Shanghai veränderte vieles. Dort habe ich 1 Semester lang an der Fudan University studiert. Nicht nur das. Am Ende dieser Zeit versuchte ich erstmals in meinem Leben alleine los zu reisen. Nach Nepal. Die Skepsis vor dem Alleinsein war immer groß. Doch schon nach wenigen Tagen unterwegs schien das völlig unbegründet. Denn das Alleine-Reisen schuf überhaupt erst den Nährboden für viele spannende Begegnungen mit neuen Kulturen und machte mich zu einem offeneren Menschen. Sollte ich hier in Nepal nicht jetzt auch noch versuchen, meine Höhenangst zu überwinden? Ich sollte. Vor mir liegt eine Broschüre aus einem Reisebüro in Kathmandu. Sie empfiehlt mir „The Last Resort“: ein 160m-Sprung in eine tropische Himalaya-Schlucht an der Grenze zu Tibet. Verführerisch.

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Briefing vor dem Sprung

Nepal. Ich tue es. Zusammen mit einem verrückten Australier melde ich mich für den Sprung in Nepal an. Countdown: 3 Tage. Meinem Mut zum ersten Schritt folgte jedoch ein mulmiges Gefühl. Ich wusste nicht, woher sie kam, aber am nächsten Tag prasselte ständig dieselbe Frage auf mich ein: „Warum tust Du das?“ Lange dachte ich darüber nach. Und wenn ich ehrlich bin, war die Antwort klar: Ego. Wie cool musste das Bild sein, wenn ich von der Brücke springe. Ich meine, von mir! Jemand, der sich den Absprung schon zwei Abende zuvor vorstellt und die Hosen bereits voll hat. Aber das Ego ist nie ein guter Grund um etwas zu tun. Und auch nie genug. Das mulmige Gefühl verschlimmerte sich. Und genau deshalb ging ich 1 Tag vor dem Absprung zum Reisebüro und stornierte. Auf die bereits geleisteten 30% Anzahlung verzichtete ich. Meinem Gefühl treu zu bleiben, erschien mir wichtiger. Keine großen Entscheidungen ohne Zuspruch meiner inneren Stimme.

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Ich bin an der Reihe. Gezwungenes Lächeln für das Foto.
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3, 2, 1...

Drei Jahre später. Drei Jahre dachte ich nicht mehr darüber nach. Und dann war ich in Queenstown, Neuseeland. Der Welt-Hauptstadt für verrückte Outdoor-Aktivitäten. Und wieder lag die Broschüre mit dem Bungy-Sprung vor mir. Sollte ich es wagen? Ich sollte. Wollte ich es wagen? Auch diesmal sollte mein Gefühl entscheiden. Und einen Tag später fühlte es sich richtig an. Ich buchte den Sprung.

Warum? Ich glaube, viele schließen einen Pakt mit ihrer Angst und denken: ’solange ich sie vermeiden kann, kommt sie auch nicht wieder‘. Früher oder später würde mir aber so eine Denkweise meinen Lebensradius viel zu sehr verkleinern. Lieber will ich einen Zugang finden, um meine Höhenangst besser zu verstehen. Sie auszuhalten und durchzustehen. Quasi eine Flucht nach vorne. War es denn überhaupt Angst, oder Furcht? Im Unterschied zur Angst wird ja die Furcht durch äußere Reize ausgelöst. So resultiert z.B. aus einer realen Bedrohung durch eine Giftschlange eine intensive Alarmreaktion unter hoher emotionaler Anspannung. Sie tritt schnell auf und kann schnell wieder abklingen. Die Angst kommt hingegen von innen. Ein unangenehmes Gefühl der Besorgnis über eine Bedrohung, die oft unklar und verschwommen ist und vor uns liegen könnte. Ständige Anspannung und Wachsamkeit können die Folge sein. Wie dem auch sei. Die Angst kann man nicht beherrschen, ohne die Furcht zu kennen. Das war schon Grund genug, es zu tun.

Die Frage stellt sich auch andersrum: Warum nicht? Warum haben wir so große Angst, dem Tod ins Auge zu sehen? Für die meisten ist der Tod eine Horrorvorstellung, die es so lange wie möglich zu ignorieren gilt. Ich will am Abgrund stehen, hinunter schauen, und wissen, dass es okay ist. Ängste sind wichtig, sie schützen uns vor Leichtsinn. Im Verlaufe der Evolution hatten Angsthasen schon immer bessere Überlebenschancen. Die Mutigen sterben zuerst. Aber ist ein Bungy-Sprung Leichtsinn? Bestimmt nicht. Die Statistiken sprechen für sich. Ein Mädchen von heute morgen erklärte mir, dass sie ihr Leben zu sehr liebt, um einen Bungy-Sprung zu wagen, während sie eine Zigarette rauchte. Aha. 

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Sprung
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Vogelperspektive

Vor dem Sprung. Der Bus fuhr ab. Allesamt waren wir gut gelaunt. Singend stimmen wir uns auf die bevorstehende Mutprobe ein. Bis wir zum Nevis-Tal kamen. Dort fand erst einmal das Briefing statt. Jeder von uns hatte bereits Nummern und seine Gewichtsangaben dabei. Richtig ernst wurde es, als uns ein kleiner Transportkorb zur Mittelstation beförderte, welche an Stahlseilen montiert ist, die durch das gesamte Tal gespannt sind. Erstmals konnten wir nun sehen, wie tief diese Schlucht wirklich war. Gespräche helfen. Und dann ging es schon los. Alle von uns blickten gespannt zum ersten Kandidaten. Sprung. Ich sah hin und verlor ihn sofort aus den Augen. Als ich an den Reaktionen hörte, dass alles gut ging, wusste ich nicht, welches meiner Gefühl überwog: die Erleichterung, dass dieser „Vortester“ gerade bewiesen hat, dass es wirklich sicher ist; oder die Furcht, dass ich meinem Absprung nun um einen Mann näher gerückt bin. Ich bin nervös. Gleich bin ich an der Reihe. Da! Mein Name wird gerufen. Oh nein! Tom vom Bungy-Team führt mich zur Liege. Dort wird mir die schwere Leine angelegt. So wie einem Häftling die Fußkette angelegt wird. Noch einmal frage ich nach, was ich tun muss. Nur um meine natürlichen Instinkte auszublenden. Das Herz arbeitet immer schneller. Tom sagt, ich soll schnell in die Kamera schauen. Wo? Was? Hä? Ah dort. Schnell ein Lächeln für die Fassade. Dann muss ich schon aufstehen. Oje. Das Gewicht der Leine habe ich unterschätzt, es zieht mich nach unten. Aber das sind wohl eher meine weichen Knie. Meine Füße wollen am liebsten Wurzeln schlagen, ich muss sie mit dem Verstand bewegen. In kleinsten Schritten wage ich mich zur Plattform nach außen. Was wenn ich jetzt stolpere!? Bitte haltet mich fest. Noch nie war mein Körper so angespannt. Je näher ich der Plattform kam, desto eher streikten meine Beine. Mein Körper schaltet auf Notstrom. Die Fußspitzen bis zum Rand. Cool bleiben. Instinktiv blickte ich dann doch ganz hinunter. Aber zum Glück bleibt nicht mehr Zeit zum Nachdenken. Meine Venen pumpten das Adrenalin in jede Körperzelle. Tom checkt alles ein letztes Mal. Bin ich okay? Ja ich bin okay. Und Tom startet den Countdown: 3, 2, 1… In dem Moment stand nur noch mein Körper als Hülle da. Völlig gedankenlos. Von Seele und Kraft verlassen. …Go!

Sprung. Was. Für. Eine. Beschleunigung! Das Bewusstsein kommt zurück. Aus mir ertönte nur ein konstant lautes „Whooouu“. 6,5 Sekunden freier Fall. Von 0-100km/h beschleunige ich in 2 Sekunden. Und schon war es vorbei. Das Seil katapultiert mich wieder hoch. In diesem Moment wird aus purer Panik pure Glückseligkeit. Und noch einmal freier Fall. Juhuuuu! Ich fühle mich wie Superman! 

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Adrenalin.

Nach dem Sprung. Wie ein Fisch hänge ich an einem Haken und werde zur Mittelstation hochgezogen. Kopfüber. Das ist schmerzvoll, weil der Blutdruck in meinem Kopf stark ansteigt. Meine Augen schwellen an. Aber egal. Oben angekommen kann ich mich nicht halten – ich umarme alle. Die Freude ist riesig. Ich fasse es nicht, ich habe es wirklich getan! Am liebsten wäre ich noch länger geflogen. 

Fazit. Mein erster Bungy-Versuch in Nepal klappte nicht, weil es damals nur mein Ego wollte. Deshalb trat ich wieder zurück. Bei meinem zweiten Bungy-Versuch in Neuseeland will ich nicht leugnen, dass ich heute mein Absprungfoto ziemlich cool finde. Doch in Queenstown waren die Voraussetzungen ganz andere: ich wollte primär um des Lernprozesses willen springen. Ein tieferes Verständnis von Todesängsten kann sich radikal auf unser Leben auswirken. Sterben lernen heißt auch leben lernen. Durch das Todesbewusstsein können sich Prioritäten ändern. Vielleicht wollen wir danach weniger Dinge ansammeln, sind weniger besessen von unerreichbarer Sicherheit, weniger beschäftigt mit dem Thema „jemand werden“. Mein Bungy-Sprung war mein Coach. Bei mir hat es dazu geführt, mit mehr Selbstvertrauen und weniger Furcht in der Gegenwart zu leben. Was wir fürchten, ist meistens nicht wirklich der Tod, sondern nur unsere Vorstellung vom Tod.